Keine Angst vor KI

Wie der Einsatz Künstlicher Intelligenz den Literaturbetrieb revolutionieren könnte: Ideentanke Alumni-Interview mit Jonas Al-Nemri vom Kladdebuchverlag in Freiburg

Interviewpartner Jonas Al-Nemri (li) vom Kladdebuch-Verlag auf der Ideentanke, dem Gemeinschaftsstand der MFG Baden-Württemberg auf der Frankfurter Buchmesse 2018 (Bild: MFG)

Jonas, mit dem Kladdebuch-Verlag wart ihr schon zweimal an der Ideentanke dabei – einmal mit Chead, Dramen im WhatsApp-Format, und einmal mit Bookbakers, einer Community für den Buchmarkt. Jetzt habt ihr künstliche Intelligenz im Blick. Was genau ist euer neuester Ansatz?

In der Zusammenarbeit mit Verlagen bzw. aus den eigenen Erfahrungen haben wir gesehen, dass Manuskripte in den meisten Fällen Verlage mehr belasten als nützen. Dabei stellen Manuskripte doch eigentlich die Schlüsselressource da. Aber es ist tatsächlich so, dass bis zu 99 Prozente der Manuskripte in mittelständischen und großen Publikumsverlagen ungelesen abgelehnt werden.

Lektorate können die Flut der eingehenden Texte gar nicht bewältigen, Autorinnen und Autoren wiederum erhalten selten konkretes Feedback bzw. gar keine Rückmeldung. Das ist ein Problem. Wir haben nun eine Plattform entwickelt, die den gesamten Prozess der Annahme, Verwaltung und Analyse der Manuskripte mit Hilfe von künstlicher Intelligenz digitalisiert.

Bei der Veranstaltung „Mit neuen Ideen die Buch- und Verlagswelt erobern“ am 6. Mai in Freiburg redet ihr über den Einsatz künstlicher Intelligenz im Buchmarkt. Welche Chancen seht ihr hier?

Das Thema KI ist ja eines der Zukunftsthemen für so ziemlich alle Branchen. Auch im Buchmarkt ist es aktuell eines der Buzzwords, bei dem aber viele nicht so wirklich wissen, was dahintersteckt: Ab wann kann man von künstlicher Intelligenz sprechen, wie kann eine K.I. bei der Arbeit unterstützen, wie sieht eine KI aus. Die meisten denken da an irgendwas zwischen HAL 9000, Terminator oder Matrix. Es ist auch eines der emotionalsten Themen aktuell.

Wir werden oft gefragt, was und vor allem wen eine KI ersetzen wird, welche Gefahren eine KI mit sich bringt und ob es überhaupt vertretbar ist, eine künstliche Intelligenz für den Literaturbetrieb zu nutzen. Um die Chancen und Potenziale aufzuzeigen, ist es uns erst einmal sehr wichtig, die Berührungsängste zu nehmen. Durch maschinelles Lernen ist es möglich, Verlagsmiterarbeiterinnen und -mitarbeiter zu unterstützen. Beispielsweise in der Sichtung und Analyse von Manuskripten, so wie wir es mit unserer Scriptbakery tun. 

Ziel ist dabei nicht, Lektorate zu ersetzen, sondern Werkzeuge zu schaffen, mit denen Lektorate einfacher Arbeiten können: Unsere KI. zeigt beispielsweise den zu erwartenden Korrekturaufwand, Lesbarkeit, Stimmung, Matching zu Verlagsprogramm aber auch spezielle Dinge wir Metadatenanalyse und Zitationsfehler in Fußnoten, was für Fach- und wissenschaftsverlage großartig ist. In weiteren Entwicklungsschritten wird das System auch Cover-Moodboards präsentieren können.  Andere Unternehmen experimentieren mit Analysen des Leseverhaltens oder Individualisierung von Content durch künstliche Intelligenz.

Wie schafft ihr es, jedes Jahr eine neue Idee zu haben und diese umzusetzen?

Unsere Antriebskräfte sind die Kreativität und die Neugier, bestehende Prozesse neu zu denken. Wir haben wirklich viele Ideen, aber nicht jede mausert sich zu einem Geschäftsmodell. Wichtig ist aber für uns, dass die Ideen, die für uns Potenzial haben auch wirklich ausprobiert werden, auch wenn sie am Ende scheitern. Das ist für uns auch das, was die Innovationskraft ausmacht.

Was sagt dein Bauchgefühl: Ist die Verlagswelt offen für neue Ideen und Impulse? 

Also die Buchbranche ist aus meiner Sicht eher zäh, was die Offenheit für Innovationen oder neue Impulsen angeht; und man braucht tatsächlich Beharrlichkeit und ein dickes Fell, weil sie neuen Ideen auch noch nicht den Raum zugesteht, den sie brauchen oder verdienen. Allerdings passiert hier gerade sehr viel! Die etablierten Strukturen brechen mehr und mehr auf; und innovative Impulse von innen und außen werden immer wichtiger.

Warum ist die Buchmesse nach wie vor so wichtig für die Branche?

Die Frankfurter Buchmesse gilt natürlich als das Branchenevent schlechthin. Hier kommen alle Player der nationalen und internationalen Buchbranche zusammen. Es herrscht in dieser Zeit meines Erachtes auch mehr Offenheit für neue Ideen und Projekte.

Wie hat euch die Ideentanke bei euren Projekten geholfen?

Durch die Ideentanke wurden wir von wichtigen Entscheidern der Branche entdeckt und konnten Partnerschaften, Pilotkunden und Zugang zu Netzwerken gewinnen. Das Besondere war für uns aber auch die Unterstützung der MFG über die Ideentanke hinaus.

Und wie ging es mit Chead und Bookbakers weiter nach der Buchmesse?

Cheäd steht tatsächlich noch immer in der Pipeline. Allerdings haben wir es zu Gunsten der aktuellen Projekte erst einmal zurückgestellt. Bookbakers haben wir mit Pilotkunden am Markt getestet und entwickeln die Plattform nun weiter.

Was ist deine Botschaft für diejenigen, die überlegen, sich bei der Ideentanke zu bewerben? Was macht eine Innovation im Buchmarkt für dich aus?

Auf jeden Fall mitmachen! Es ist einfach eine großartige Chance die Idee oder das Geschäftsmodell der Branche vorzustellen. Das Miteinander mit den anderen Teams und auch die Betreuung der MFG sind Dinge, die sich für jede und jeden lohnen werden.

Mit der Ideentanke bringt die MFG Baden-Württemberg kreative Ideen aus Baden-Württemberg auf die Frankfurter Buchmesse. Bis zum 12. Mai läuft der Wettbewerb um die fünf Plätze am MFG-Gemeinschaftsstand. Die besten Teams gewinnen die Präsenz am Stand und ein Coaching zur optimalen Vorbereitung im Wert von insgesamt 10.000 Euro. Hier geht's zur Online-Bewerbung.

Interview: Ines Goldberg

Mehr Infos:

Ideentanke Wettbewerb 2019 
Mit neuen Ideen die Buch- und Verlagswelt erobern 
Kladdebuchverlag

Bitte weitersagen. Teilen Sie diesen Beitrag.