Kultur neu gedacht

Das MFG-Programm HOLA Design Thinking unterstützt 2019 vier Einrichtungen aus dem Kulturbereich. Interdisziplinäre Gruppen aus Studierenden, Lehrenden und Professionals bearbeiten konkrete Aufgabenstellungen. Von Anfang an fasziniert der Design-Thinking-Zugang – am 14. November wird gepitcht.

Design Thinking Bastelmaterial
Das Basteln von Prototypen gehört beim Design Thinking dazu | Bild: MFG Baden-Württemberg

Schon die Zusammensetzung ihres HOLA-Teams bringt Cora von Pape ins Schwärmen: „Die kommen aus dem Design, aus der Informatik, vom Musikjournalismus“, zählt die Projektleiterin für Digitalisierung bei der Kunsthalle Baden-Baden auf auf. Diese bunte Truppe aus sechs Studierenden und Lehrenden baden-württembergischer Hochschulen sowie Professionals aus der Kreativwirtschaft nimmt sich seit August der Challenge an, die von Pape ihnen gestellt hat: kunstinteressierte Erwachsene ins digitale Museum zu locken.

Im Rahmen des HOLA-Programms der MFG Baden-Württemberg finden Studierende, Dozierende und Professionals dieses Jahr bereits zum vierten Mal mit Auftraggebern wie Cora von Pape zusammen. HOLA steht für „Hochschulübergreifendes Labor für kooperatives Arbeiten“: Zum interdisziplinären Ansatz, der von Pape so begeistert, kommt das Arbeiten mit der Kreativmethode Design Thinking. So sollen die Teams möglichst kreative Antworten auf die Fragestellungen der Challenge-Geber finden.

Kunstinteressierte für digitale Ausstellungen begeistern

Die Kunsthalle Baden-Baden will kommendes Jahr die Highlights aus mehr als hundert Jahren Ausstellungsbetrieb digital erlebbar machen. Gemeinsam mit einer Agentur werden Bilder und Videos aus den Ausstellungen, Begleittexte, Schriftstücke und vieles mehr zusammengeführt; man kann dann beispielsweise die Dan-Flavin-Ausstellung aus dem Jahr 1989 nachträglich erleben. Der New Yorker, der häufig mit Leuchtstoffröhren arbeitet, gilt als einer der einflussreichsten modernen Künstler überhaupt.

„Klassische Pressearbeit funktioniert für solche Projekte nicht wirklich gut“, sagt Cora von Pape. Diese Erfahrung habe man beispielsweise bei den „digitalen Vernissagen“ gemacht, die das Haus schon länger anbietet. Die geplante digitale Ausstellung für ein internetaffines Publikum braucht also auch eine moderne Kommunikation. Welche Wege da erfolgreich sein können, lotet die sechsköpfige HOLA-Arbeitsgruppe aus. Die Teilnehmer „waren alle gleich Feuer und Flamme“, schwärmt von Pape.

Interdisziplinäre HOLA-Teams

Neben der Kunsthalle Baden-Baden sind dieses Jahr die Innenstadtkinos in Stuttgart, die ebenfalls in Stuttgart ansässige Kulturgemeinschaft sowie das Archäologische Landesmuseum in Konstanz weitere Challenge-Geber. Bei einer Auftaktveranstaltung im August – der HOLA Summer School –  trafen die Vertreter*innen der vier Auftraggeber erstmals auf die insgesamt 24 überwiegend von den Hochschulen Baden-Württembergs kommenden Teilnehmenden.

„Die Teilnehmenden erlernen die Kreativmethode Design Thinking und profitieren vom Arbeiten in interdisziplinären Gruppen“, sagt Andrea Buchholz, die bei der MFG das Programm betreut. Die Teams werden absichtlich bunt gemischt. „Das nützt immer auch den Challenge-Gebern“, so Buchholz. Auch die konkreten Ergebnisse können überzeugen: In den zurückliegenden Jahrgängen wurden etwa für den Website-Relaunch des Stuttgarter Naturkundemuseums oder die Neugestaltung der Arnulf-Klett-Passage unter dem Stuttgarter Hauptbahnhof Anregungen aus den HOLA-Projekten aufgegriffen.

Bei dem viertägigen Workshop im August stellten die Kultureinrichtungen ihre Challenges vor und die Arbeitsgruppen übten die Kreativmethode Design Thinking ein. Am 14. November präsentieren sie ihre Lösungsvorschläge beim HOLA Innovation Pitch ab 17 Uhr im Gutbrod in Stuttgart. Cora von Pape ist optimistisch, dass „ihr“ HOLA-Team Ideen vorstellt, die funktionieren. „Die Teilnehmenden gehören ja selbst zu genau der digital affinen, kunstinteressierten Zielgruppe, die wir ansprechen wollen“, sagt sie. Dass die Gruppe interdisziplinär und mit der Design-Thinking-Methode arbeitet, kann nur nützen. „Ich hoffe, sie kommen auf viele unterschiedliche Ansätze, nehmen viele unterschiedliche Abzweigungen“, so von Pape.

Warum gehen weniger Menschen ins Kino?

Auch die anderen drei Kultureinrichtungen haben spannende Challenges beigesteuert:

Die zehn Säle der Innenstadtkinos in Stuttgart liegen direkt an der Einkaufs- und Flaniermeile, der Königstraße. Trotzdem haben sie mit einem schleichenden Besucherrückgang zu kämpfen. Woran liegt das, was kann man dagegen tun? „Damit beschäftigten wir uns auch“, sagt Margarete Söhner, „aber wir sind da ab und zu gedanklich im Tunnel“. Die HOLA-Arbeitsgruppe, so hofft die Marketingleiterin, denkt mehr „out of the box“, eben unbedarft und aus der Perspektive der Kund*innen – beziehungsweise all jener Menschen, die schon länger nicht mehr im Kino waren. Um die geht es den Innenstadtkinos nämlich besonders.

„Es reicht nicht, die bisherigen Kinogänger anzusprechen“, sagt Söhner. Herauszufinden, warum Menschen bislang nicht ins Kino kommen und was die Kinos verbessern müssten: Auch das ist Teil der Challenge für das HOLA-Team. Die Gruppe hat dafür Menschen auf der Königstraße angesprochen und genau danach gefragt. Ein erstes Ergebnis: Viele verbinden Kino mit etwas Positivem, es fehlt aber an Zeit und der Mehrwert für den Kinobesuch. Diese Leute wollen mehr, als nur einen Film zu sehen.

Die Innenstadtkinos hoffen „auf den frischen Blick und Ideen, die für uns umsetzbar sind“, sagt die Marketingfrau Söhner. Auch das ist ein Reiz des HOLA-Programms: Einem Familienbetrieb wie den Innenstadtkinos stehen nicht unbegrenzt Ressourcen zur Verfügung, hier hilft es, quer zu denken, etwa mit dem von der MFG vermittelten interdisziplinäre Design-Thinking-Ansatz. „Die MFG macht ja auch Film- und Kinoförderung, das unterstützt die Akzeptanz unter unseren eigenen Mitarbeitern“, betont Söhner.

Schätze vor der eigenen Haustür entdecken

Das Archäologische Landesmuseum in Konstanz kann sich über mangelndes Interesse von Schulklassen, Eltern mit Kindern und Tourist*innen nicht beklagen. Aber die Erwachsenen aus der Region, die erreiche man nicht wirklich, sagt Susanne Rau. Deshalb hat die Museumspädagogin ihrem HOLA-Team genau diese Challenge gestellt: „Welche Knöpfe muss man drücken, damit wir auch diese Gruppe ansprechen?“

Rau hofft ganz bewusst auf ungewöhnliche Vorschläge. „Wir denken selbst schon lange über dieses Thema nach, haben spezielle Führungen entwickelt und Workshops für diese Zielgruppe angeboten“, berichtet sie. Gleichwohl vermutet sie, dass die Dinge aus der Außen- oder Besucherperspektive ganz anders wirken. Dass eben nicht jedem von vornherein klar ist, „wie spannend und aktuell Archäologie auch hier in Europa ist. Wer bei uns im Museum war, ist danach erstaunt, welche Schätze es direkt vor der eigenen Haustür zu entdecken gibt“.

Wie sich das in Besucherprogramme und Kommunikation übersetzen lässt, tüftelt jetzt das HOLA-Team aus. Knifflig mag das auch deshalb sein, weil eine komplett neue Ausstellung mit den Mitteln des Museums nicht zu machen sein wird. Aber die beim HOLA-Projekt angewendete Design-Thinking-Methode ist ja gerade dazu gemacht, auch völlig neue Ansätze zu wählen – und so möglicherweise auch mit beschränkten Ressourcen umgehen zu können.

Passgeneaue Kulturangebote für jüngere Zielgruppen

Die Kulturgemeinschaft Stuttgart bündelt für ihre Mitglieder Kulturangebote in der Landeshauptstadt und drumherum zu Abo-Paketen und veranstaltet auch selbst Kultur. Die Wurzeln liegen im gewerkschaftlichen Bereich. Jüngere Zielgruppen werden damit teilweise nicht gut angesprochen. Deshalb lautet die Fragestellung: Wie erreichen wir kulturaffine junge Menschen? „Das können Ehepaare sein oder Freunde, es geht einfach darum, gemeinsam Kultur zu erleben“, sagt Ulrike Hermann.

Die Leiterin der Geschäftsstelle weiß, dass jüngere Menschen häufiger ad hoc buchen und aus einem äußerst vielfältigen Kulturprogramm auswählen können. Darauf hat die Kulturgemeinschaft bereits mit ihrem Modell eines flexiblen „Wahlabos“ reagiert. Um dezidiert jüngere Zielgruppen anzusprechen, nutzt der Verein jetzt das HOLA-Programm. „Uns reizt das Interdisziplinäre“, betont Hermann, „und toll ist jetzt, dass wir mit den Studierenden im HOLA-Team genau die jungen Leute dabeihaben, die wir ansprechen wollen“.

Ob neue Kulturangebote die Lösung sind oder eine andere Kommunikation, lässt die Kulturgemeinschaft bewusst offen. Beim Auftaktworkshop im August konnte man sich intensiv kennenlernen. „Ich weiß, dass die Gruppe im Anschluss hart gearbeitet hat“, sagt Ulrike Hermann. Auch hier ist der Optimismus spürbar, dass mit neuen Methoden und frischen Ideen Kultur neu gedacht werden kann.

Am 14. November stellen die Teams beim HOLA Innovation Pitch ihre Ideen vor. Beginn ist um 17 Uhr, Veranstaltungsort Das Gutbrod in Stuttgart. Im Anschluss organisiert die MFG  halbtägige Workshops mit den Teams bei ihren Challenge-Gebern, um die Ergebnisse zu überführen. Die vier Workshops finden im November und Dezember statt.

Autor: Jan-Georg Plavec

Mehr Infos:

HOLA Design Thinking
HOLA Innovation Pitch

Kontakt

Dr. Andrea Buchholz
Dr. Andrea Buchholz

Leiterin Projektteam Talent- und Forschungsförderung

Unit Kultur- und Kreativwirtschaft

Bitte weitersagen. Teilen Sie diesen Beitrag.