„Identität kann man nicht spielen”

Vielfalt im deutschen Film – dazu hat die FilmFacts-Redaktion recherchiert! So ist eine Interviewserie entstanden, die nun wöchentlich erscheint. Mit Jonas Karpa haben wir über die Diskriminierung von Filmschaffenden mit Behinderung gesprochen

Porträt und Zitat von Jonas Karpa
Quelle: Jonas Karpa

Im vergangenen Jahr hat die MFG eine umfangreiche Diversitäts-Umfrage der Initiativgruppe „Vielfalt im Film“ mitfinanziert. Zu ihren persönlichen Erfahrungen wurden über 6.000 Filmschaffende in Deutschland befragt. Die im Frühjahr veröffentlichten Ergebnisse sind eindeutig: Diskriminierung durchzieht die Branche. In der aktuellen Ausgabe der FilmFacts berichten wir ausführlich zu diesem Thema und legen den aktuellen Entwicklungsstand dar. Dafür haben wir u. a. Interviews mit Vertreter*innen der Initiativgruppe und anderen Branchenmitgliedern mit unterschiedlichen Vielfaltsbezügen geführt. Die Interviews veröffentlichen wir nun in voller Länge in unseren News. Lesen Sie hier weitere Interviews.

 

Jonas Karpa ist Redakteur beim Sozialhelden e. V. und setzt sich für eine klischeefreie Berichterstattung über Menschen mit Behinderung ein. Das Projekt Leidmedien.de des Vereins gehört der Initiativgruppe „Vielfalt im Film“ an.

 

Können Sie selbst Defizite in Bezug auf Gleichberechtigung in der Branche feststellen? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

 

Der entscheidenste  Fehler, der uns in unserer Arbeit immer wieder begegnet, ist, dass Menschen mit Behinderung im Film nicht authentisch dargestellt bzw. besetzt werden. Das passiert zum Beispiel, wenn sich ein*e Schauspieler*in ohne Behinderung zum Beispiel in den Rollstuhl setzt und einen Menschen mit Behinderung spielt. Die Behinderung eines Menschen gehört zur eigenen Identität. Identität kann man nicht spielen. Das ist vergleichbar mit Blackfacing und der Aneignung von Geschlechterrollen. Es gibt den Fachbegriff "Cripping up", was bedeutet, dass Menschen ohne Behinderung sich in Menschen mit Behinderung verwandeln. Dieses Phänomen taucht immernoch viel zu häufig auf.

 

Was läuft häufig noch falsch?

Ein weiterer typischer Fehler ist die klischeehafte, stereotype Darstellung von Menschen mit Behinderung. Entweder werden sie als bemitleidenswert oder, im anderen Extrem, als sehr heldenhaft dargestellt. Diese beiden Gegenpole haben aber überhaupt nichts, oder nur wenig, mit dem authentischen, alltäglichen Leben von Menschen mit Behinderung zu tun.

 

Gibt es auch positive Beispiele bei der Darstellung von Menschen mit Behinderung?

Es gibt immer noch viel zu wenige Beispiele von Filmen, in denen das Thema gut und klischeefrei thematisiert wird. Allein die Tatsache, dass man einzelne Filme oder Serien als positive „Leuchtturmprojekte“ nennen kann, unterstreicht das. Ein Beispiel aus dem US-amerikanischen Serienbereich wäre „Games of Thrones“. Hier spielt Peter Dinklage als kleinwüchsiger Mensch mit, aber seine Behinderung wird nicht zum Thema gemacht, bzw. wenn, dann nur von ihm selbst. Das ist das, wo wir hinwollen: Behinderung ist sichtbar und findet wie selbstverständlich statt, aber sie wird nicht zwangsläufig thematisiert oder zum Aufhänger des Films gemacht. Oft kommen Menschen mit Behinderung nur im Film vor, wenn dahinter auch irgendeine Botschaft steckt.

 

Wie ist die Situation, wenn Menschen mit Behinderung ins Kino gehen?

Bei Kinos gibt es häufig bauliche Barrieren. Im Kinosaal sind kaum oder wenig Plätze für Rollstuhlfahrer*innen, wenn sie denn überhaupt erreichbar sind. Außerdem sollte es eine barrierefreie Fassung – also Untertitel und Audiodeskription – geben. Es kann nicht sein, dass man in Deutschland aktuell nur eine Filmförderung bekommt, wenn man eine barrierefreie Fassung erstellt, aber man nicht dazu verpflichtet ist, diese Fassung zu veröffentlichen. Es gibt jede Menge unveröffentlichte, barrierefreie Fassungen. Es muss verpflichtende Voraussetzungen geben.

 

Hat sich seit der größeren medialen und gesellschaftlichen Präsenz des Themas bereits etwas verändert? Können Sie ein positives Beispiel nennen?

In den letzten Jahren hat sich das Thema ein bisschen verändert. Wir merken durch den Diversity-Guide, die BFI-Standards (British Film Institute) und die Verpflichtung zu Vielfalt von Netflix und Amazon, dass sich etwas in der Filmbranche verändert. Der deutsche Markt ist allerdings noch lange nicht so weit. Es dauert hierzulande viel zu lange!

 

Die Umfrage hat in dem Sinne geholfen, als dass wir jetzt endlich Zahlen haben, die unsere Annahmen und Empfindungen bestätigen. Wir können nun mit diesen Zahlen argumentieren, sodass wir ab sofort noch eindringlicher Veränderungen anstoßen und einfordern können.

 Den Menschen, die nun Angst um die Qualität der Stoffe haben, sei gesagt: Die Diversität der Figuren hat nichts damit zu tun, ob ein Film handwerklich gut gemacht ist.

 

Wie engagieren Sie sich für Diversität im Film und gegen Diskriminierung persönlich?

Es herrschen Vorurteile vor, dass es zum Beispiel keine Schauspieler*innen mit Behinderung gebe oder die Kommunikation – besonders bei gehörlosen Schauspieler*innen – schwierig sei. Dagegen müssen wir vorgehen. Die Zugänge zu Schauspielschulen müssen offen für alle Menschen sein. Berührungsängste müssen abgebaut werden und Filmschaffende müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen. Solange die Filmbranche in sich nicht divers und vielfältig ist, wird es immer große Vorbehalte geben. Ich höre oft Ausreden wie: "Das Set ist nicht barrierefrei, es ist viel zu gefährlich für z.B. blinde Menschen." Darauf folgt dann häufig die Entscheidung, nicht divers zu besetzen. Aber Stolpern kann jeder mal und blinde Menschen absolvieren Wegetrainings, im Zweifelsfall bewegen sie sich dadurch sicherer durch bekanntes Terrain.

 

Wir geben im Rahmen des Projektes "Leidmedien" Workshops und Beratungen zur diskriminierungsfreien Darstellung von Menschen mit Behinderung in Wort und Bild. Das tun wir in Redaktionen und mit Filmschaffenden. Wir beraten Drehbuchautor*innen, sind am Set dabei, beraten Casting-Agenturen, lesen Drehbücher, die Skripts, die Treatments. Wir begleiten Film- und Fernsehproduktionen als Ansprechpartner*innen.

 

Wir wollen auf der einen Seite, dass die Behinderung keine Rolle spielt und diese nicht thematisiert wird. Gleichzeitig setzen wir uns dafür ein, dass Personen mit Behinderung repräsentiert werden. Genau das ist Thema bei Vielfalt im Film: Das Thema lässt sich auf alle marginalisierten Gruppen herunterbrechen. Alle marginalisierten Gruppen sollen im Film besser repräsentiert werden. 

 

Wie könnte man Verbindlichkeit schaffen in der Branche – langfristig?

Man muss an verschiedenen Ebenen ansetzen. Es ist ein Kreislauf: Alle Ausbildungsstätten, Schauspielschulen, aber auch in den Bereichen Schnitt, Drehbuch und Ton, müssen zugänglich sein. Drehbücher müssen thematisch vielfältig sein, damit Rollen entstehen, die vielfältig zu besetzen sind und damit Schauspieler*innen mit Behinderung die Möglichkeit haben, diese Rollen zu spielen. Menschen mit Behinderung können z. T. nur in eine Rolle hineinpassen, was das Angebot von diesen Rollen noch relevanter macht. Im letzten Prozess geht es darum, wie Filme zugänglich dargestellt werden. Gibt es eine barrierefreie Fassung, können Menschen mit Behinderung den Film im Kino sehen? Dadurch kann dann auch ein Interesse für die Filmbranche bei Menschen mit Behinderung geweckt werden, was zu einem größeren Zulauf an Ausbildungsstätten führen würde.

  

Wen sehen Sie neben der Politik in der Verantwortung?

Die Politik muss die Gesetzgebung machen – z.B. durch eine Quotenregelung. Die Verantwortung liegt im Grunde bei allen Filmschaffenden und in jedem Schritt der Produktion. Die Verantwortung allein reicht aber nicht. Wir gehen seit Jahren auf die Leute zu, aber es besteht wenig Interesse. Da scheinen dann nur feste Richtlinien zu helfen.

 

 

Weitere Informationen:

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV) verleiht seit 2002 den Deutschen Hörfilmpreis und zeichnet damit herausragende Hörfilme aus sowie Projekte, die diese barrierefreien Filmerlebnisse voranbringen.

 

Das Gespräch führte Lena Schwäcke.

  Aktuelle Ausgabe der FilmFacts: Close Up

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