„Es wird nicht aggressiv-progressiv nach vorn gedacht“

Vielfalt im deutschen Film – dazu hat die FilmFacts-Redaktion recherchiert! Mit Yilmaz Arslan haben wir über vielfältige Stoffe gesprochen

Zitat von Yilmaz Arslan: "Gemachte Viefalt funktioniert nicht. Man kann das Publikum nur mit dem Herzen abholen, nicht mit Schubladendenken."
Yilmaz Arslan engagiert sich für gelebte Diversität im Film. | Bild: MFG Baden-Württemberg

Im vergangenen Jahr hat die MFG eine umfangreiche Diversitäts-Umfrage der Initiativgruppe „Vielfalt im Film“ mitfinanziert. Zu ihren persönlichen Erfahrungen wurden über 6.000 Filmschaffende in Deutschland befragt. Die im Frühjahr veröffentlichten Ergebnisse sind eindeutig: Diskriminierung durchzieht die Branche. In der aktuellen Ausgabe der FilmFacts berichten wir ausführlich zu diesem Thema und legen den aktuellen Entwicklungsstand dar. Dafür haben wir u. a. Interviews mit Vertreter*innen der Initiativgruppe und anderen Branchenmitgliedern mit unterschiedlichen Vielfaltsbezügen geführt. Die Interviews veröffentlichen wir nun in voller Länge in unseren News. Lesen Sie hier weitere Interviews. Lesen Sie hier weitere Interviews.

 

Yilmaz Arslan ist Regisseur, Drehbuchautor, Filmproduzent und Geschäftsführer von der Produktionsfirma MaxMa Film. 2019 realisierte er den MFG-geförderten Film „Io sto bene“ von Donato Rotunno.

 

Können Sie selbst Defizite in Fragen der Gleichberechtigung und Vielfaltstoleranz in der Branche feststellen? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich mache seit über 30 Jahren Filme. Mein Debütfilm hieß „Langer Gang“. Diesen Film habe ich mit behinderten Menschen unterschiedlicher Nationalitäten besetzt. Der Film soll allerdings nicht Behinderung und Diversität als etwas Besonderes darstellen. Es geht vielmehr um Akteur*innen mit Behinderungen, die alltägliche Probleme erfahren, die für Jede*n nachvollziehbar sein sollen. Zu dieser Zeit waren Personen mit körperlicher Behinderung nicht im Film präsent.

Als Jugendlicher störte mich nämlich, dass man als Mensch mit Behinderung stark bemitleidet wurde. Heute nehme ich es zumindest nicht mehr so stark wahr. Diskriminierung erfahre ich nicht in Bezug auf meine Behinderung und auch nicht in Bezug auf meinen Migrationshintergrund. Ich habe allerdings auch um mich herum eine Umgebung aufgebaut, in der Vielfalt und Akzeptanz vorhanden ist. Ich denke in reinen Formen und interessiere mich nicht für Kategorien.

 

Hat sich seit der größeren medialen und gesellschaftlichen Präsenz des Themas bereits etwas verändert? Können Sie ein positives Beispiel nennen?

Diskriminierung ist meiner Meinung nach subtiler geworden. Das macht die Sache sehr gemein. Jemand kann dich zum Beispiel freundlich angrinsen, aber er hat dich in den Fängen, gibt dir nicht den Job. In Frankreich zum Beispiel herrscht ein viel offenerer Rassismus. In Deutschland ist es oftmals etwas subtiler.

Ich bemerke Veränderungen in der Gesellschaft, was dieses Thema angeht, aber dieser Wandel findet sich nicht in den öffentlich-rechtlichen Sendern wieder. Es wird nicht aggressiv-progressiv nach vorn gedacht. Dadurch sind Filmemacher*innen oftmals gezwungen, ihre Ideale aufzugeben und ihre Drehbücher weichzuspülen. Machst du als Filmschaffende*r dennoch etwas Unangenehmes, Rauhes, Brutales, bekommst du in der Regel vom Sender keine Finanzierungsbeteiligung, oder du bekommst eine schlechte Sendezeit.

In den sozialen Medien wird gesellschaftlicher Wandel schneller und  progressiver geführt. Sie bergen allerdings auch die Gefahr der Radikalisierung in sich. Hier gibt es keine Gesetze, die extremistischen Haltungen Einhalt gebieten. Die Gefahr von Radikalisierung empfinde ich in diesen Kanälen als sehr groß.

 

Wie engagieren Sie sich für Diversität im Film und gegen Diskriminierung persönlich?

Seit ich denke und lebe und im Film- und Musikbereich tätig bin, engagiere ich mich für gelebte Diversität im Film. Man muss meiner Meinung nach die Dinge verfilmen, die man selbst erlebt hat. Man muss sich auskennen. Ich bin in einem diversen und vielfältigen Umfeld aufgewachsen. Dafür bin ich dankbar. Die Filme kamen somit von allein.

In der Branche bin ich mit meinem Film über eine junge Türkin allerdings auf Grenzen gestoßen. Da hieß es zum Beispiel: „Wir hatten jetzt schon ‚so ein Thema‘, wir brauchen nicht noch ein weiteres.“ Kategorisch zu denken, musst du als freischaffende*r Künstler*in ablegen. Gemachte Vielfalt funktioniert nicht. Man kann das Publikum nur mit dem Herzen abholen, nicht mit Schubladendenken. Man muss die Fragen im Publikum wecken, ohne dass man etwas künstlich zusammensetzt.

 

Wie könnte man Verbindlichkeit schaffen in der Branche – langfristig?

Es gibt Checklisten, aber ich finde diese sehr diskriminierend. Das Auszählen von Quoten in Bezug auf Filmprojekte finde ich unverschämt. Das betrifft auch die Frauenquote. Wenn ich eine Frau wäre, würde ich es mir verbieten. Es geht um mein Projekt und nicht um mein Geschlecht.

Quoten sind eine Entschuldigung, um der Politik und der Gesellschaft zu verdeutlichen, dass man sensibilisiert ist. Eine Quote schafft aber keine freie Kultur. Wir brauchen keinen Katalog. Freie Kultur meint: Filme zu kreieren, die einen Kunstwert haben. Diese Filme brauchen keinen Katalog, in dem steht, was und wer die Dinge machen soll. Die Kunst ist frei, frei von Geschlecht, frei von Inhalten. Die Kunst dient sich nur selbst. Sie ist nicht regional oder national.

 

Wen sehen Sie neben der Politik in der Verantwortung?

Die Medien (Filme, Musik, Zeitungen, Social Media) sehe ich auch in der Verantwortung. Mit einem Knopfdruck setzt du z. B. in den sozialen Medien etwas in die Welt. Das empfinde ich als merkwürdige Stimmungsmache. Der Diskurs wird leider häufig unsachlich geführt. Das Thema muss bereits in den Kindergärten angegangen werden. Die Pädagog*innen nehme ich da auch in die Verantwortung. Diskriminierung betrifft viele Lebensbereiche.

 

Welche konkrete Maßnahme würden Sie sich für kommende Produktionen wünschen, die die Situation unmittelbar verbessern würde?

Nur weil gerade Vielfaltstoleranz modern ist, bedeudet es leider nicht, dass Vielfalt in Film und Kunst sichtbar ist. Unsere Gegenwart und unsere Zukunft muss vielfältiger abgebildet werden. Unsere Zukunft sind nicht allein weiße junge Menschen zwischen 18 und 40 Jahren. Wo sind die älteren Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund, Zugewanderte? Wir haben noch eine zu starke Leitkultur. Vielfalt bedeutet eben genau keine Leitkultur. Vielfalt muss sich selbst gestalten. Und diese muss sich unverstellt und dennoch kunstvoll abbilden. Ohne Verharmlosung und ohne Angst vor Konfrontation.

 

Das Interview führte Lena Schwäcke

  Aktuelle Ausgabe der FilmFacts: Close Up

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