Der größte gesellschaftliche Umbruch der vergangenen 200 Jahre läuft an

Das Leitthema der OPEN! am 6.12. war „Offene Kultur in Zeiten künstlicher Intelligenz”

„Ich bin sehr froh darüber, dass wir in der OPEN! neben wirtschaftlichen Themen auch über Kunst und Kultur in Verbindung mit neuen Technologien sprechen. Ich halte das für wichtig, zumal Kunst und Wirtschaft für mich keine Gegensätze sind, sondern miteinander zusammenhängen“, betonte Petra Olschowski, Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg in ihrer Begrüßung. Das Ministerium unterstützte die OPEN! erneut als Partner.

Die Veranstalter MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg und OSB Alliance haben das Thema künstliche Intelligenz für die OPEN 2017! in einen erweiterten Kontext gesetzt, indem sie neben der industriellen Arbeitswelt die Kreativwirtschaft sowie den Kunst- und Kultursektor als Anwendungsfelder der künstlichen Intelligenz hervorhoben. Die OPEN! 2017 machte deutlich, dass künstliche Intelligenz als neue Technologie weitreichende Veränderungen nach sich ziehen wird.

Erfüllung eines Menschheitstraums

Für den Philosophen, Publizisten und Journalisten Richard David Precht befindet sich die Gesellschaft im größten Umbruch der vergangenen 200 Jahre. In seiner Keynote verdeutlichte Precht, dass die aktuell anlaufende vierte industrielle Revolution große Veränderungen induzieren wird. Einerseits könne uns die künstliche Intelligenz der Erfüllung eines alten Menschheitstraums näher bringen: Die Befreiung von stupider Arbeit. Die Kehrseite: Wenn nun auch kognitive Arbeitsabläufe automatisiert werden, gehen Arbeitsplätze verloren. Obwohl künstliche Intelligenz ein IT-Thema ist, schließt Precht sogar Informatiker nicht vom Jobverlust aus, denn Computer könnten künftig selbst Computer programmieren.

Diese tiefen Einschnitte in die Arbeitswelt fordern von der Gesellschaft, dass sie ebenfalls einen grundlegenden Wandel anstoßen muss. Precht zeigte auf, dass es durch KI in manchen Bereichen nur noch Arbeitsplätze für wenige Hochqualifizierte geben würde. Gute Job-Aussichten sieht er hingegen im Handwerk und in sozialen Berufen.

Zum ersten Mal in der Geschichte der industriellen Revolutionen gebe es dieses Mal also keinen Zuwachs an Arbeitsplätzen, sondern einen Abbau. Precht plädierte in seinem Vortrag daher für ein bedingungsloses Grundeinkommen, denn die Existenz des Menschen und seine Teilhabe an der Gesellschaft müsse unabhängig von klassischen Beschäftigungsverhältnissen möglich sein.

Damit nicht genug der Veränderungen. Die Gesellschaft müsse auch einen Wandel in ihren Werten vollziehen, sagte er. Die Kategorien der Leistungsgesellschaft gingen, so Precht, verloren. Eine Selbstdefinition über Geld, Besitz, Job und Karriere wird hinfällig, wenn der Arbeitsmarkt technologiebedingt schrumpft. Auch für den Bildungssektor sieht Precht Handlungsbedarf. Schulische Bildung müsse sich mehr an den Talenten und Neigungen des Einzelnen orientieren. Das bisher geübte Modell der Motivation von außen, also über Noten, Geld oder Anerkennung, hält er nicht länger für haltbar.

Daten und Algorithmen sollten geteilt werden

Auch Dirk Helbing, Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich, sieht die Welt vor weitreichenden Veränderungen. Nach seiner Einschätzung arbeiten große IT-Unternehmen wie Google, facebook und IBM am Betriebssystem der Gesellschaft. Das Beispiel Citizen Score in China zeige, welchen Einfluss Daten durch KI bekommen können. Daten seien das neue Öl, erklärte Helbing und vermittelte damit einen Eindruck, welchen Wert große Datenmengen schon heute haben. Er sieht im gemeinsamen Handeln einen wesentlichen Faktor, künstliche Intelligenz verantwortungsvoll zu gestalten. Und es ist für ihn der einzige Weg, damit Europa nicht noch mehr Boden gegenüber dem Silicon Valley verliert. Entscheidend sei, dass die Komplexität kombinatorisch ansteigen würde. Daher sollte die Gesellschaft als kollektive Intelligenz handeln. Durch kombinatorische Innovation könne der Rückstand zum Silicon Valley aufgeholt werden. Durch das Teilen von Daten und Algorithmen würden Menschen noch besser befähigt werden, Innovationen voranzutreiben.

Handeln von Robotern muss vorhersehbar sein

Martina Mara vom Ars Electronica Futurelab in Linz gab in ihrer Keynote zum Abschluss der OPEN! 2017 einen Einblick in ihre Forschungen über die Interaktion von Robotern und Menschen. Sie berichtete von Studien, die gezeigt hätten, dass uns Roboter umso unheimlicher erscheinen, je ähnlicher sie uns gestaltet würden. Am wenigsten Unbehagen empfinden wir demnach bei einem Industrieroboter. Die größte Ablehnung lösten, so Maras Untersuchungen, jene Roboter aus, die am menschenähnlichsten seien.

Nicht nur der visuelle Eindruck ist wichtig. Auch was ein Roboter tut, hat Einfluss auf die Akzeptanz. Studien haben ergeben, dass Roboter, die in ihren Bewegungsausführungen auf Effizienz getrimmt sind, Unbehagen auslösen, weil ihr Verhalten für Menschen nicht vorhersehbar ist. Martina Mara empfiehlt daher, Roboter, aber auch selbstfahrende Autos, konstruktiv so auszulegen, dass sie für Menschen kalkulierbar und als Maschinen erkennbar seien.  

Teilen, gestalten, verändern

Die OPEN! 2017 zeigte, dass künstliche Intelligenz enorme Veränderungen bringen wird. Sie zeigte aber auch, dass eine Kultur der Offenheit unverzichtbar ist, um künstliche Intelligenz im Sinne der Menschen zu entwickeln. Durch das Teilen von Daten, Algorithmen und Technologien, durch aktives Gestalten der Veränderungsprozesse, und durch die Bereitschaft, bisherige Wertesysteme, Denk- und Handlungsmuster auf den Kopf zu stellen, kann künstliche Intelligenz viel Positives bewirken. Sie darf aber, so ein weiteres Fazit der diesjährigen OPEN! nicht einigen wenigen Akteuren überlassen werden.

Preise für Serious Games und Open Source Projekte

Im Rahmen der OPEN! 2017 wurden Serious Games prämiert, die im Wettbewerb „Code for Culture“ der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg entstanden waren. Des Weiteren wurde der OSBAR der OSB Alliance verliehen – für besonders gelungene Open Source Projekte.

Der Preis für das beste Serious Game ging an „Antonius“, das für die Kunsthalle Karlsruhe entwickelt wurde. Als bestes Mobile Game wurde „When am I?“ ausgezeichnet. Das Spiel wurde für das Badische Landesmuseum erarbeitet. Den Preis für „Best Design“ gewann das Spiel „ORIARU“, entwickelt für das Kunstmuseum Stuttgart. Beim Sonderpreis entschied sich die Jury für das Spiel „Heckerhut“, das für das Haus der Geschichte in Stuttgart ausgear-beitet wurde.  

Den OSBAR in Gold gewann Raphael Michel mit seinem Projekt „pretix“, einem Ticketsys-tem, das beim Online-Ticketkauf nur die wichtigsten Daten seiner Nutzer abfragt. Silber ging an das Projekt „KODI“ von Daniela König und Achim Turan. Mit Bronze geehrt wurden die Projekte „Rust“ von Florian Gilcher und Marc Brinkmann sowie „ModSecurity GRS“ von Christian Folini. Der Sonderpreis ging an Christoph Herrmann, Felix Bauer und Sebastian Deiss für „Peekaboo“, ein Tool, das E-Mails in einer sicheren Umgebung auf Schad-software analysiert.  

Themenpanels, World Café, Living Lab

In den Themenpanels „KI&Arbeit“, „KI&Kreativität“, „VR, KI&Kultur“ sowie in einer Po-diumsdiskussion und einem World Café standen Information und Meinungsaustausch im Mittelpunkt. Im Living Lab demonstrierte das Beispiel „Hypermind – das antizipierende Buch“, realisiert vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und der TU Kaiserslautern, wie künstliche Intelligenz in Alltagstätigkeiten wie Lesen Einzug halten könnte.

Hallo Marvin!

Im Showroom stellte SAP ihr KI-Projekt „E-Quill“ vor. Das System interagiert über intelligente Schrift- und Gestenerkennung mit dem Nutzer. Des Weiteren konnten die OPEN!-Besucher Kontakt zu Marvin aufnehmen. Der Assistenzroboter wurde bereits im Körperbehindertenzentrum Oberschwaben eingesetzt.

An weiteren Beispielen zeigten ARTE, das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS, die Hochschule Ravensburg-Weingarten, IBM das ZKM | Zentrum für Kunst und Medien sowie die Künstlerin und Architektin Maria Yablonina, wie künstliche Intelligenz und VR schon heute in Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst eingesetzt werden.

Autor: Christoph Bächtle
Mehr Infos:

Die OPEN! 2017
Bilder der OPEN!
Code for Culture
OSB Alliance

Ansprechpartner
Sven Meintel
Sven Meintel

Projektleiter Netzwerkmanagement – Marketing & Events

Unit Medienprojekte und Services

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