Der Stoff, aus dem die Spiele sind

Bei „Code for Culture“ werden Kulturdaten zum Stoff für neue interaktive Games

Jugendliche auf Sofas programmieren an ihren Laptops Code for Cuture Game Jam

Am dritten Juni-Wochenende fliegen im ehemaligen Polizeiquartier an der Ulmer Straße in Stuttgart-Ost die Computerspielideen nur so durch die Luft. Laptops stehen dicht an dicht auf Arbeits- und Couchtischen, Tastaturgeklapper mischt sich mit Gesprächen, Lachen, Keyboard- und Gitarrenklängen.

Im zweitgrößten Hackspace Deutschlands, dem shackspace, haben sich trotz hochsommerlicher Temperaturen über 60 junge Programmierer, Game- und Sound-Designer versammelt. Beim Game Jam zum Auftakt des Programmierwettbewerbs Code for Culture wollen sie binnen 48 Stunden Prototypen für neue Serious-Games – Spiele zur Wissensvermittlung – entwickeln.

Deutschlands erster Game Jam mit Kulturdaten

Angelockt wurden sie von einem Portfolio interessanter Kulturdaten, die sie als Stoff für ihre Spielideen nutzen können. Auf Einladung der MFG Innovationsagentur Medien- und Kreativwirtschaft haben 13 angesehene Museen, Bibliotheken und Archive aus dem Südwesten gehaltvolle Datensammlungen und digitalisierte Objekte zur Verfügung gestellt. „Code for Culture“ ist ein wesentlicher Baustein der Initiative „Open Culture BW“, die neue Wege zum Erkunden des kulturellen Erbes aufzeigt, und deutschlandweit der erste Programmierwettbewerb, der ganz auf die Entwicklung von Games zum spielerischen Erschließen von Kulturdaten fokussiert.

„Mit der Konzentration auf Games stellen wir besonders hohe Anforderungen an die Mitwirkenden“, erklärt Yasi Schneidt, Projektleiterin „Open Culture“ bei der MFG. „Denn damit ein Spiel wirklich funktioniert, müssen – anders als bei einer einfachen digitalen Anwendung – sehr viele Faktoren wie Visual-Story-Telling, Grafik, Animation und Sound perfekt ineinandergreifen“, so Schneidt.

Umso bemerkenswerter ist, dass beim Game Jam im Juni nach Ablauf der 48 Stunden bereits Prototypen aller elf entwickelten Ideen spielbar waren, die Hälfte davon sogar auf beliebigen Geräten – ein Reifestadium, das bei anderen Game Jams selten erreicht wird.

Inspirierende Atmosphäre und produktive Teams

Als „sehr produktiv“ beschreibt Patrick Wachowiak, Mitgründer des Stuttgarter Game-Studios Chasing Carrots die Atmosphäre beim Game Jam. „Die Teams haben sehr effektiv zusammengearbeitet, nachts wurde bis 5, 6 Uhr programmiert, gestaltet und diskutiert“, erzählt Wachowiak. Der Experte für User-Interface- und Game-Design ist einer der sieben Mentoren, die den jungen Spielegestaltern beim Game Jam und der nachfolgenden Weiterentwicklungsphase zur Seite stehen.

„Die Produktivität war auch deswegen so hoch, weil wir auf eine möglichst interdisziplinäre Zusammensetzung geachtet haben“, glaubt Yasi Schneidt. So formierten sich etliche Teams aus Studierenden sehr verschiedener Fachrichtungen und Hochschulen, aus Leuten, die sich vorher gar nicht kannten. „Wenn mindestens ein Programmierer an Bord ist, ein Grafik-Designer, ein Sound-Experte und einer der sich mit Daten und Didaktik auskennt, dann erhöht das die Erfolgschancen eines Teams enorm“, so die Erfahrung von Schneidt.

Einfallsreiche Spielideen für verschiedenste Arten von Kulturdaten

Die elf beim Game Jam entwickelten neuen Formate reichen von einer explorativen Tour durch das Bilderuniversum des Malers Willi Baumeister über Location-Based-Games, Geschicklichkeits- und Strategiespiele bis hin zu einer Visual-Novel, die uns von Amerikas Westküste zu den acht Hauptinseln von Hawai‘i führt.

„Es war sehr spannend zu sehen, wie die Studierenden den Inhalten, die wir für unsere große Hawai‘i-Sonderausstellung erarbeitet haben, durch digitales Storytelling, grafische Animation und Sound-Design Leben einhauchen, und es war beeindruckend, wie viel man in so kurzer Zeit auf die Beine stellen kann“, findet Dr. Stephanie Walda-Mandel, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Ozeanienreferat des Linden-Museums. „Dass computeraffine junge Leute in einen direkten, produktiven Austausch treten mit Kulturschaffenden, die von den wissenschaftlichen Inhalten her kommen, das habe ich in dieser Form und Intensität hier das erste Mal erlebt“, so die Ethnologi.

Kooperationen zwischen Kultureinrichtungen und Entwicklern

Allein in den ersten 48 Stunden des Game Jams sind schon etliche Spiele-Prototypen entstanden, die sich fast vom Fleck weg in eine Ausstellung integrieren ließen. „Wir können wirklich stolz sein auf die junge Entwickler-Szene in Baden-Württemberg, und wir freuen uns, dass sich bereits erste ernsthafte Kooperationen zwischen Entwicklern und Kultureinrichtungen ergeben haben“ resümiert Yasi Schneidt.

Drei Beispiele: Serious Games für die GLAM-Szene

Der Game Jam im Juni war nur der Auftakt für die Arbeit der elf Teams. In den folgenden vier Monaten entwickeln die meisten Teilnehmer ihre Prototypen weiter. Dabei werden sie von den Kulturinstitutionen und den sieben Mentoren in didaktischen und technischen Fragen unterstützt. Im November wird dann eine Runde aus unabhängigen Game-Design-Experten die fertiggestellten Spiele bewerten. Den krönenden Abschluss bildet die Preisverleihung auf der OPEN! – Konferenz für digitale Innovation im Dezember 2017 in Stuttgart. Hier erhalten die besten drei Teams eine gut dotierte Auszeichnung, ein weiteres Team kann überdies auf einen Sonderpreis der MFG hoffen.

Autorin: Silva Schleider
 

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