Jeden Monat stellt die MFG Baden-Württemberg in diesem Format einen Fund aus Kunst, Kultur oder (Fach-)Literatur vor. In dieser Ausgabe empfiehlt Vlora Kleeb, Referentin für PR / Kommunikation und Online-Redaktion, das Theaterstück “Pretty Privilege” von Wilke Weermann. Wer Lust hat, selbst ein Fundstück vorzustellen, kann sich gerne an digitalekultur@mfg.de wenden. Abonnieren Sie außerdem unseren Newsletter für mehr Neuigkeiten und Interessantes aus dem Bereich Digitale Kultur.
Was hast Du dabei?
Seit dem 7. Februar läuft beim Schauspiel Stuttgart das Theaterstück “Pretty Privilege” von Wilke Weermann. Die moderne Inszenierung hebt Oscar Wildes Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” in unsere KI-geprägte Gegenwart und handelt vom Zerfall des Ichs, den Gefahren von Social-Media-geprägtem Körperkult und ewiger Selbstoptimierung. Zu Beginn des Stücks lässt Schauspielerin Sibyl Vane ihr digitales Abbild erschaffen, weil sie sich erhofft, durch ihren KI-Zwilling relevant zu bleiben und ein Star zu werden. Dorian Gray, Inbegriff der physischen Perfektion, aber eigentlich eine leere Hülle, zieht sie zusammen mit seinen Handlangern immer mehr in seinen Sog. Der kometenhafte Aufstieg folgt dann zwar – aber nur für die KI-Sybil, während die echte Sybil immer mehr zerfällt.
Was spricht Dich an?
Ich gebe es zu: In letzter Zeit ermüden mich die – zurecht – omnipräsenten Diskussionen über KI manchmal. Ja, KI rüttelt an unseren Systemen, ermöglicht vieles, birgt Gefahren. Ihr großflächiger Einsatz verändert unsere Gesellschaft grundlegend; beruflich und privat müssen wir uns deswegen damit beschäftigen. Trotzdem empfinde ich die Diskussionen oft als redundant. “Pretty Privilege” schafft es, das Thema auf eine frische, unterhaltsame, gruselige Weise zu beleuchten. Nichts ist wirklich neu, aber die Verbindung aus Schönheitswahn, Gesundheits-Tracking, Unterhaltungsshow und der Frage nach den Grenzen des eigenen Ichs funktioniert einfach. Durch die Beleuchtung des Themas in einem Theaterstück werden die Zuschauer*innen angeregt, KI und ihren Einfluss in der Kunst und darüber hinaus noch einmal auf neue Weise zu reflektieren.
Dazu kommt das kreative Bühnenbild: Die großen Bildschirme zeigen teilweise Clips, teilweise dienen sie als verzerrte Spiegel oder trübe Fenster – ähnlich wie die großen und kleinen Screens, mit denen wir täglich unsere Welt und uns selbst betrachten und mit anderen interagieren.
Hast Du eine Lieblingsstelle?
Besonders gelungen fand ich die Verbindung der echten Personen auf der Bühne mit einer (fiktiven) Talkshow, aus der immer wieder Szenen eingeblendet werden. In der Talkshow ist der Intellektuelle Henry Wotton zu sehen, der erschreckend charmant darlegt, warum es die Pflicht jeder Person sein sollte, ihren Körper ständig tracken zu lassen, um der Gesellschaft nicht wegen vermeidbarer Gesundheitsleiden auf der Tasche zu liegen. Das beste Beispiel sei Dorian Gray, der “most measured man”, der sich aufgrund des Trackings in perfektem Gesundheitszustand befinde. Die Ironie: Der Henry Wotton in der Talkshow ist auch nur ein KI-Zwilling, denn der echte Henry Wotton litt nach seinen polarisierenden Aussagen an Panikattacken.
Auch die Clips mit Sybils KI-Zwilling sind sehr gelungen. Mal spielt sie in einem Blockbuster mit, mal bewirbt sie Jeans im Stil von Sydney Sweeney, manchmal unterhält sie sich auch mit der echten Sybil. Die Grenzen zwischen der realen Frau und ihrem Bildschirm-Ich verschwimmen dabei immer mehr, bis eine von beiden verschwindet.
Wem empfiehlst Du das?
Ich empfehle das Stück allen, die sich für KI und ihren Einfluss auf unsere Gesellschaft interessieren – und allen, die etwas KI-müde sind und das Thema gerne mal aus einer anderen Sicht betrachten möchten. Das Stuttgarter Schauspiel hilft dabei sicher gerne. Termine sind noch bis April verfügbar.






