Was Deutschland liest: Die Daten dahinter kommen aus Baden-Baden

Bestsellerlisten, Musikcharts & Co.: Media Control aus Baden-Baden macht seit 50 Jahren mit Verkaufsdaten, Marktforschung und Trendanalysen sichtbar, was die Menschen lesen, hören und sehen.

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Media Control-Geschäftsführerin Ulrike Altig. | © MFG Baden-Württemberg / Media Control
Festlicher Jubiläumsabend von Media Control im Rahmen der Book Night 2026 mit mehr als 1.100 Gästen aus Buchbranche, Medien, Kultur und Öffentlichkeit. | © Media Control
Im Rahmen der Book Night erhielt Bundeskanzlerin a. D. Angela Merkel den erstmals verliehenen Gold Award für ihre Biografie "Freiheit" von Media Control. | © Media Control
| Baden Baden

Mit unserer Reihe HIER GEMACHT holen wir Hidden Champions der Kultur- und Kreativwirtschaft aus Baden-Württemberg ins Rampenlicht. Unternehmen und Personen, die im Land verwurzelt und weltweit gefragt sind – mit Ideen, die überraschen, verbinden und inspirieren.

In dieser Ausgabe sprechen wir mit Ulrike Altig, Geschäftsführerin von Media Control aus Baden-Baden. Heute liegt ein besonderer Schwerpunkt des Unternehmens auf dem Buchmarkt: Mit Verkaufsdaten, Bestsellerlisten, Trendanalysen und Prognosen liefert Media Control wichtige Entscheidungsgrundlagen für Verlage. Im Gespräch erzählt Ulrike Altig, wie das Unternehmen den Medienwandel von der Schallplatte bis zu BookTok und KI begleitet – und warum Baden-Baden dafür bis heute der richtige Standort ist.

Frau Altig, wenn Sie jemandem in einem Satz erklären müssten, was Media Control macht – wie würde dieser Satz lauten?

Media Control sammelt und analysiert Verkaufs- und Nutzungsdaten aus dem Entertainmentbereich. Im Mittelpunkt steht heute vor allem die Ermittlung von Bestsellerlisten, Marktforschungsdaten und Trends. Unser Sitz ist in Baden-Baden mitten in der Stadt in einem wunderschönen historischen Gebäude – darauf sind wir sehr stolz.  Ganz in einem Satz geht es also doch nicht.

Sie sind schon seit vielen Jahren bei Media Control. Was fasziniert Sie bis heute an dem Unternehmen?

Media Control war tatsächlich meine erste Stelle nach dem Studium. Ich habe in meinem Leben genau eine Bewerbung geschrieben – und die ging an Media Control. Seitdem durfte ich eine unglaubliche Entwicklung miterleben.

Mich fasziniert zum einen die familiäre Atmosphäre: Wir haben flache Hierarchien, sind eine kleine, schlagkräftige Truppe mit einem starken Zusammenhalt und ich freue mich jeden Morgen aufs Büro. Zum anderen ist es die Aktualität unserer Arbeit: Was passiert bei den Verkaufszahlen? Wo entsteht gerade ein Trend?

Unser Schwerpunkt liegt heute stark auf dem Buchmarkt. Begonnen hat Media Control mit Musik und der Ermittlung von Musik-Charts. Damals wurden Verkaufszahlen noch per Fragebogen erhoben, heute liegen uns täglich Abverkaufszahlen vom Vortag vor. Gleichzeitig hat sich die Medienwelt von physischen Produkten über Downloads und Streaming bis zu Social Media und BookTok verändert. Genau dieses “Am-Puls-der-Zeit-Sein” fasziniert mich.

Media Control ist international aktiv. Trotzdem blieb Baden-Baden immer das Zentrum.

Ja, und das gehört für mich ganz wesentlich zu Media Control. Wir waren international in zahlreichen Ländern tätig und haben unsere Standards und Know-how für Chartsermittlung und Marktforschung in die Länder transportiert – das Headquarter aber war immer Baden-Baden, hier kam alles zusammen.

Was uns auszeichnet, ist diese Haltung: “Geht nicht, gibt’s nicht.” Wir probieren aus, entwickeln neue Ideen und schauen gemeinsam, was möglich ist. Dieses Kreative und gleichzeitig Bodenständige ist für mich die DNA von Media Control.

Warum funktioniert Baden-Württemberg als Standort für Sie so gut?

Wir haben langjährige Mitarbeitende und gleichzeitig ein sehr gutes Netzwerk in der Region. Mit dem KIT in Karlsruhe haben wir beispielsweise viel Know-how im Bereich Statistik, mit der Popakademie in Mannheim gibt es immer wieder Austausch.

Für mich liegt die Stärke Baden-Württembergs in dieser Vielfalt. Es gibt nicht den einen großen Hotspot, sondern mit Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg oder Baden-Baden viele unterschiedliche Orte und Kompetenzen, die zusammenspielen. Dazu kommt ein bestimmter Anspruch: Wenn wir etwas machen, dann machen wir es hundertprozentig. Von diesem Ruf haben auch wir profitiert.

Bestsellerlisten und Musikcharts kennt fast jede*r. Dass dahinter häufig Media Control steht, wissen dagegen nur wenige. Warum sind Sie ein Hidden Champion?

Das war früher anders. Zu Zeiten der ZDF-Musik-Hitparade wurde regelmäßig darauf hingewiesen, dass die Charts von Media Control ermittelt wurden – vor einem Millionenpublikum. Heute ermitteln wir aktuell alle Buchbestsellerlisten in Deutschland wie z.B. die Spiegel-Bestsellerlisten, bestens bekannt, aber für die Leser*innen steht das Produkt Spiegelbestseller im Vordergrund und nicht der Ermittler, die Media Control.

Noch deutlicher wird das in der Marktforschung. Verlage greifen auf unsere Dashboards und Analysen zu und nutzen unsere Daten als Grundlage für ihre Entscheidungen für ihre internen Analysen. Für die Öffentlichkeit bleibt Media Control dabei meist im Hintergrund, das heißt heute ist die Arbeit schwerpunktmäßig im B2B-Bereich.

Was können Sie aus Ihren Daten über unsere Gesellschaft herauslesen?

Sehr viel. Für mich sind Verkaufszahlen ein gesellschaftliches Stimmungsbarometer. Wir können erkennen, womit sich Menschen beschäftigen und wie sich Interessen und gesellschaftliche Entwicklungen verändern.

Während der Corona-Pandemie haben wir beispielsweise einen starken Anstieg bei Ratgebern rund um Homeschooling und Beschäftigung mit Kindern gesehen – die vor allem von Frauen bestellt wurden. Als der Krieg gegen die Ukraine begann, stieg die Nachfrage nach Kinderbüchern, die erklären, was Krieg bedeutet. Auch Themen wie steigende Lebenshaltungskosten oder Selbstversorgung spiegeln sich in den Verkaufszahlen wider.

Wir können zudem soziodemografische Daten einbeziehen. Es geht also um weit mehr als die Information, welches Buch auf Platz eins steht. Aus den Zahlen lassen sich Zusammenhänge ableiten, die beispielsweise für Verlage wichtige Erkenntnisse liefern.

Ein gutes Beispiel für neue Entwicklungen ist BookTok. Was lässt sich dort beobachten?

BookTok ist ein Phänomen. Wir prognostizieren für dieses Jahr rund 30 Millionen verkaufte BookTok-relevante Bücher. Besonders stark sind Genres wie New Adult, Young Adult, Fantasy und Romance. Spannend finde ich dabei die Verbindung zwischen digitaler und physischer Welt. Junge Menschen entdecken Bücher über Social Media, tauschen sich in ihrer Community aus, gehen in die Buchhandlung, kaufen das Buch und produzieren anschließend selbst eigenen Content wieder fürs Netz.  Auch besondere Cover oder Farbschnitte werden teilweise zu Kultobjekten.

Unsere Daten zeigen, dass durch den BookTok-Hype viele junge Menschen wieder verstärkt Bücher kaufen und lesen. Das macht mir Hoffnung, dass wir über solche Phänomene wieder mehr junge Menschen fürs Lesen begeistern können.

Gab es in all den Jahren einen Chart- oder Bestsellererfolg, der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist? 

Beim Buch war das ganz klar Harry Potter. Das war nicht einfach nur ein Bestseller, sondern eine richtige Bewegung. Buchhandlungen öffneten nachts, es gab Lesenächte und schon Monate vor Erscheinen enorme Vorbestellungen. Diesen Hype konnte man unmittelbar in den Verkaufszahlen verfolgen. Auch Michael Endes “Die unendliche Geschichte” ist ein gutes Beispiel – das Buch stand 111 Wochen auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste. 

Bei Musik denke ich unter anderem an Ed Sheeran, der gleichzeitig mit “Shape of You” und “Castle on the Hill” auf Platz eins und zwei der Charts stand. Und auch aktuelle Ereignisse können sich unmittelbar auswirken: Nach dem Tod von Künstler*innen wie Tina Turner oder Michael Jackson waren plötzlich wieder zahlreiche ihrer Songs gleichzeitig in den Charts. Daran sieht man sehr unmittelbar, wie stark gesellschaftliche Ereignisse und Mediennutzung miteinander verbunden sind.

Gibt es Trends, die selbst Sie noch überraschen?

Auf jeden Fall. Ein Beispiel ist Stefanie Stahls “Das Kind in dir muss Heimat finden”. Das Buch ist 2015 erschienen und war über Jahre hinweg ganz vorne in den Jahresbestsellerlisten. Jahre später ist es noch einmal in den BookTok-Charts aufgetaucht und hält sich dort bis heute. Das finde ich schon ein Riesenphänomen.

Welche Trends beobachten Sie aktuell im Buchmarkt?

Belletristik ist grundsätzlich stabil. Stark sind Fantasy und Romance sowie New und Young Adult, auch Manga ist immer eine konstante Größe. Besonders spannend finde ich, dass Social Media älteren Titeln ein zweites Leben geben kann. Bücher, die vor vielen Jahren erschienen sind, werden über BookTok oder durch eine Verfilmung, z.B. auf Netflix plötzlich wieder zum Bestseller. Manchmal sind auch wir überrascht, wie schnell eine Community eine solche Dynamik entwickelt.

Ihre Daten sind Grundlage für weitreichende Entscheidungen. Bedeutet das auch Verantwortung?

Unbedingt. Auf Grundlage unserer Verkaufszahlen, Analysen und Auswertungen werden weitreichende Entscheidungen getroffen. Dieser Verantwortung sind wir uns sehr bewusst.

Gleichzeitig bedeutet das, dass es keinen Stillstand geben darf. Wir müssen innovativ bleiben, Entwicklungen beobachten und neue Ideen entwickeln. Wir sind auf der einen Seite vielleicht ein bisschen crazy, aber auf der anderen sehr bodenständig und akribisch. Diese Mischung passt zu uns – und hier in Baden-Württemberg haben wir dafür die besten Voraussetzungen.

Streaming, Social Media, KI: Was wird die Branche und Media Control in den kommenden Jahren besonders prägen?

Für uns ist entscheidend, flexibel zu bleiben und früh zu erkennen, wohin die Reise geht. Früher mussten wir eine Woche auf Verkaufsdaten warten. Heute erhalten wir von rund 15.000 Verkaufsstätten quasi über Nacht detaillierte Daten. Damit können wir Entwicklungen sehr viel früher erkennen.

Ein großes Zukunftsthema ist KI. Wir arbeiten seit rund zwei Jahren mit unserem Partner Bearing Point an KI-basierten Absatzprognosen für Bücher. Verlage können beispielsweise mit der Frage zu uns kommen: Wie viele Exemplare eines Titels, der in ein oder zwei Monaten erscheint, werden voraussichtlich verkauft? Auf Basis unserer Daten erstellen wir Prognosen, die eine wichtige Grundlage für die Planung der Auflage sein können. Bei anderen Einsatzmöglichkeiten von KI sind wir bewusst zurückhaltend. Wir haben uns bei Media Control ganz gezielt auf die Absatzprognose konzentriert.

Bei aller Datenfülle gibt es also trotzdem Überraschungen?

Natürlich – und genau das macht den Reiz unserer Arbeit aus. Auch mit einer riesigen Datenbasis kann man nicht alles vorhersehen und erlebt Überraschungen.

Zum Abschluss: Was ist die Stärke der Kultur- und Kreativwirtschaft in Baden-Württemberg?

Wir fühlen uns in Baden-Württemberg sehr wohl, gerade weil die Kreativwirtschaft hier nicht nur an einem großen Hotspot stattfindet. Wir haben ein Netzwerk aus vielen kleineren und mittleren Kreativorten und sehr unterschiedlichen Spezialist*innen.

Für mich zeichnet Baden-Württemberg außerdem die Verbindung von Tradition und Zukunft aus. Hier gibt es eine große Umsetzungskraft: Man hat eine Idee, entwickelt sie weiter und macht daraus eine konkrete Anwendung. Kreativität steht nicht neben der Wirtschaft, sondern ist Teil des Wirtschaftsmodells.

Diese Verbindung aus Erfindergeist, Gestaltung, Mittelstand und regionaler Vielfalt macht THE CREATIVE LÄND für mich aus. Wir sind zukunftsgewandt und gleichzeitig bodenständig.

Das klingt ziemlich nach Media Control.

Ja, absolut. Wir leben von Tradition, aber auch von Innovation.

Quelle: Text: Nina Kwiatkowski | MFG Baden-Württemberg
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